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Handelsweg - Einführung

by ew — last modified 2010-05-31 17:11

Wasser gelangt in die Atmosphäre, regnet ab und fließt wieder zurück in die tieferen Bereiche der Erdoberfläche. Den zweiten Abschnitt dieses Kreislaufs bilden Bäche und Flüsse. Sie entstehen aus der Lageenergie, die das Element Wasser mit sich führt, und sie folgen den von der Natur vorgegebenen Wegen. Flüsse formen die Landschaft und verbinden deren Teile als natürliche Verkehrswege.

Diese Wege werden vom Menschen seit jeher genutzt. Sie dienen der Nahrungsversorgung, als Energieträger, der Fortbewegung, dem Transport und vielem mehr. Flüsse sind Lebensadern menschlicher Kultur und bilden einen ihrer wichtigsten Bestandteile. So auch der Inn, jener Fluss, der den mittleren Alpenbogen vom Engadin in der Schweiz bis ins östliche Tirol in Richtung Norden entwässert, bei Braunau auch noch die Salzach aufnimmt und sich in Passau mit der eigentlich kleineren Donau vereinigt. Dort eröffnet sich dem Reisenden die Möglichkeit gar bis ins Schwarze Meer zu gelangen.

Immer schon war der Inn auch ein Weg des Handels. Unermessliche Mengen an Gütern hat er im Laufe der Jahrtausende befördert. Erst für die Römerzeit geben Schriftquellen darüber vagen Aufschluss. Doch kann man davon ausgehen, dass der Fluss als landschafts- und kulturverbindendes Element seit der ersten Besiedlung durch den Menschen auch als Route des Austauschs materieller Güter – für den Handel – genutzt wurde.

Der Inn bildete ein Nadelöhr europäischen Handels auf einer Nord-Süd-Achse von Oberitalien über die Alpen bis an die Nord- und Ostsee. Schnittpunkte mit anderen wichtigen Handelsrouten wie etwa in Passau zum Donauhandel oder in Hall zum Venedigerhandel haben das Einzugsgebiet der hier beförderten Waren noch beträchtlich erweitert. Wichtige Abnehmer waren die landesherrlichen Höfe: Wasserburg stellte die Verbindung zur Residenzstadt München her, über die Haller Lend wurde auch der Innsbrucker Hof versorgt.

Auch die erhaltenen Schriftquellen, besonders Zollakten, Maut- und Rechnungsbücher, belegen einen regen internationalen Handel. Die Bedeutung einzelner Güter spiegelt sich in der Distanz, die sie zurücklegten. In Hall in Tirol beispielsweise fanden sich bei Grabungen Objekte ab dem späten Mittelalter, deren Herkunft zwischen Mittelitalien, Nordfriesland, dem Rheinland, Sachsen und Böhmen streut.

Auf seinem langen Weg durch das Gebirge nimmt der nach Osten fließende Inn an Schnittpunkten mit anderen, wichtigen, die Alpen in Nord-Süd-Richtung überquerenden Verbindungen auch kleinere oder größere Nebenflüsse auf. Diese Knoten des überregionalen Austauschs sind gleichzeitig die wichtigsten Etappen des Handelsweges Inn. Dazu kommen flussnahe Orte mit anderen zentralen Funktionen wie Residenzen, Klöster, Bergbauorte, Wallfahrtsstätten und Grenzstationen. Zentren von Produktion, Transport und Handel haben sich entlang des Flusses entwickelt, weil dieser jene Transportmöglichkeiten bot, die für die Beförderung von Massen- und Schwergut erforderlich waren. Die eingeschifften oder gelöschten Güter dienten dem täglichen Gebrauch, der weiteren Verarbeitung, als Prestigeobjekte oder als Tauschwaren. Sie verließen den Flussweg, um am nächstgelegenen Markt vertrieben zu werden, oder wurden noch über große Distanzen auf festem Land weiter befördert. Rohstoffe wie z. B. Erze erreichten so die Produktionsorte am kürzesten Weg.

Landeck, Imst, Haiming und Stams waren Orte, an denen überregionale Verkehrswege auf das Haupttal stießen. Vom Stanzer Tal herab treffen die Routen aus dem Paznaun und vom Arlberg in Landeck auf den Inn. In Imst stießen schon in der Römerzeit die Staatsstraße von Fernpass und Reschenpass sowie die Nebenstraße vom Piller Sattel zum Inntal. Zwischen Haiming und Roppen erreicht der wichtige Weg vom Timmelsjoch den Fluss. Auch von Mötz und Stams aus war die Route zum Fernpass und von dort nach Vorarlberg und Schwaben erreichbar. Mit dem Stamser Kloster und dem nahen Gerichtssitz Petersberg bei Silz erfüllte diese Region im Mittelalter wichtige Funktionen, die auch den Handel beförderten. Ab dem Raum Telfs, wo ein weiterer Weg zum Fernpass abzweigt, war der Inn schiffbar. Hier wurde das von Hall mittels kleinerer Plätten heraufbeförderte Salz gelagert, um dann weiter nach Schwaben und in die Schweiz befördert zu werden. Salzlager finden sich mehrfach an dieser Route. Auch nach Scharnitz konnte man von Telfs aus gelangen und so einen weiteren, wichtigen Übergang ins Alpenvorland erreichen. Ungleich bedeutender war jedoch die Abzweigung bei Zirl/St. Martin dorthin über den Seefelder Sattel. Hier überbrückte ebenfalls schon eine römische Straße den Fluss.

Danach folgt jene Stadt, die ihrer Brückenfunktion den Namen verdankt: Innsbruck. Die bis heute wichtigste Handelsroute aus dem Süden, vom Brenner, trifft hier auf den Inn. Massenhaft wurden südalpine Güter und Fernwaren per Fuhrwerk vom Pass herab befördert, um gutteils im Tal auf das Schiff verladen zu werden. Eine herausragende Rolle spielten hier Südtiroler Weine. Allerdings geschah das in der nur zehn Kilometer flussabwärts gelegenen Stadt Hall. Hier hatte man nämlich mit dem quer durch den Fluss gebauten Holzrechen zum Auffangen des für die Saline benötigten Triftholzes der Schifffahrt ein jähes Hindernis geschaffen. Die daraus

entstandene Kopfhafenfunktion machte Hall zum wichtigsten Warenumschlagplatz des nördlichen Tirol. Die Salinenstadt war daher auch eines der Zentren der Innschifffahrt. Alles was weiter nach Osten verschifft werden sollte kam hier auf den Fluss. Umgekehrt wurden aus den Donauländern und Bayern herbeigeschiffte Waren hier verhandelt oder auf Fuhrwerke zum

weiteren Transport gegen Süden und Westen verladen.

Weiter flussabwärts war der Bergbauort Schwaz eine wichtige Anlaufstelle der Innschifffahrt. Die zahlreiche Knappenschaft musste mit Gütern des täglichen Bedarfs versorgt werden, was hauptsächlich über den Fluss geschah. Bei Jenbach/Wiesing führt die Route über den Achensee ins nördliche Alpenvorland. In dieser Gegend trifft auch die Straße aus dem Zillertal von Süden kommend auf den Inn. Bis in die Zeit um 1500 befinden wir uns hier in einer wichtigen Grenzregion. Am Dreiländereck um Rattenberg stießen die Machtbereiche des Erzstifts Salzburg, der Grafschaft Tirol und des Herzogtums Bayern aufeinander. Ausdruck dafür sind sechs mittelalterliche Burgen im näheren Umkreis. Eine davon in der bayerischen Grenz- und Zollstadt Rattenberg selbst. Auch in dieser Gegend waren uralte Bergbaue und Schmelzwerke von Bedeutung, etwa in Brixlegg, Kramsach und Radfeld. Über das teils salzburgische Zillertal bestand auch eine Verbindung in den oberen Pinzgau. Ebenso führte bei Wörgl ein Weg in das über Jahrhunderte zu Salzburg gehörende Brixental.

Die Festungsstadt Kufstein bildete schließlich das befestigte Einfallstor ins alpine Inntal und eine wichtige Zollstelle. Bei Rosenheim überquerte schon die Römerstraße Augsburg-Salzburg den Fluss, was die spätere Stadt zu einem wichtigen Verkehrsknoten machte. Ähnlich lag die – wie der Name schon sagt – stark befestigte und vom Inn umspülte Stadt Wasserburg an einer der wichtigsten Landstraßen nach München. Sie war ein bedeutender Umschlagplatz für Güter aus dem Balkan, Italien und Österreich. Als „Innhafen Münchens“ war sie besonders im 16. Jahrhundert wichtig. Der Getreide- und Weinhandel in der Region erfolgte über Wasserburg. Wichtige Ortschaften am unteren Inn waren auch Gars, Mühldorf und das Wallfahrtszentrum Altötting, dann Braunau und Schärding. Südlich von Braunau vereinigt sich die Salzach mit dem Inn. Sie stellte eine Verkehrs- und Handelsverbindung in das Zentrum des Erzbistums Salzburg her. So war mit der Salzachschifffahrt eine Verbindung zum Salzort Hallein gegeben. Das weiße Gold wurde bis Passau auf Salzach und Inn verschifft. Dort, am Zusammenfluss von Donau, Inn und Ilz, war der Anschluss zur Donauschifffahrt gegeben und damit eine Verbindung weit nach Osten und Westen.

Was wurde nun alles auf dem Inn befördert? Es ist kaum möglich, auch nur annähernd alle Güter aufzuführen. Einige Hinweise müssen genügen, um die Fülle der Waren erahnen zu können. Es sind vor allem die im Gebirge gewonnenen und hergestellten Produkte, die ihren Weg ins südliche oder nördliche Alpenvorland nahmen, beispielsweise Wein, Käse, Holzwaren, Steine, Steinöl und wohl Salz. Umgekehrt mussten die inneralpinen Regionen mit Produkten von dort versorgt werden, welche sie selbst nicht oder nicht in ausreichender Menge herstellen konnten. Dazu zählten insbesondere Getreide, Lebendvieh und Tuche. Darüber hinaus aber gelangten über die vielfältigen Fernbeziehungen der Händlerschaft auch Güter aus fernen Ländern in die Ortschaften am Inn.

Im oberen Inntal, dort wo der Vinschgau, das Engadin und das Obere Gericht aufeinandertrafen, wird der Fluss bei der Brückenburg Altfinstermünz schon von der römischen Staatsstraße Via Claudia Augusta gequert. Im Mittelalter und später beförderte dieser Abschnitt insbesondere in den angrenzenden Wäldern geschlagenes Holz, das in das mittlere und untere Inntal getriftet zum Zweck der Berg- und Schmelzwerke, insbesondere aber dem Salzsudhaus in Hall, als Energielieferant diente. Bau- und Brennholz wurde den größeren Ortschaften zugeführt. Es diente für Flussbauten ebenso wie zur Errichtung zahlloser Bauwerke über der Erdoberfläche. Auch größere und kleinere Nebenflüsse nutzte man für die Zulieferung von Stammholz. Das teils zu Flößen zusammengebundene Holz konnte flussabwärts auch als Transportmittel verwendet werden. Der enorme Holzbedarf hat die Landschaften durch Kahlschläge und Wiederaufforstungen nachhaltig verändert. Weil die Holzressourcen knapper wurden, sahen sich viele Unternehmer in einen ständigen Kampf um deren Nutzung verwickelt. Die zuständigen Behörden waren schon früh gezwungen, dem Raubbau Einhalt zu gebieten. Bereits im 16. Jahrhunderte wurde daher die bei Häring gewonnene Braunkohle wichtig und auf dem Inn zu den Schmelzwerken befördert.

Die vielfach privilegierte Stadt Hall exportierte vor allem das im Pfannhaus produzierte Salz – neben Südtiroler Wein sowie dem Schwazer Silber und Kupfer das einzige namhafte Exportgut Tirols. Abgesehen vom Innertiroler Bedarf gelangte es bis Oberitalien, in die Schweiz und nach Schwaben. Der Salzhandel nach Osten hatte in den oberbayerischen und salzburgischen Produktionszentren natürliche Konkurrenten. Erst nach der Eingliederung der Gerichte Kitzbühel, Kufstein und Rattenberg zu Tirol, in den Jahren 1504 bis 1506, konnten auch diese Gebiete beliefert werden. Bis Telfs wurde das Salz innaufwärts mittels kleinerer Zillen befördert. Ab dem Fluss übernahmen Rodfuhrleute (Salzwagen) den weiteren Transport zu den Salzniederlagen, wo man sich mit dem wertvollen Mineral versorgen konnte. Flussabwärts wurde Salz in den bayerischen Salinen Bad Reichenhall, dann Traunstein und später Rosenheim produziert. Aus Hallein kam Salz per Schiff bis Passau.

Wichtige Handelsgüter waren Südtiroler und „Welscher“ Wein, deren Verschleiß in Tirol von Haller Kaufleuten betrieben wurde. Sie verkauften ihn bis nach Wien und brachten im Gegenzug auf ihrem Rückweg u. a. Osterwein (österreichischer Wein) mit nach Westen. An den im Laufe des 15. Jahrhunderts an Bedeutung gewinnenden Haller Jahrmärkten etwa wurden zahlreiche Waren unterschiedlichster Art angeboten: z. B. Vieh, Wein, Eisen- und Buntmetallwaren, Zinngießerarbeiten, Keramik, Textilien und Tuche, Leder- und Pelzwaren, Papiere und Bücher, Spezereien, Gewürze, Schmuck, Musikinstrumente, Bilder, Tabak, Seife usw. Sie kamen vor allem aus dem oberitalienischen bis bayerischen und österreichischen Raum, aber auch von weiter her. Die Märkte dienten darüber hinaus dem heimischen Gewerbe, seine Produkte zu verkaufen, die über den Handelsweg Inn weithin vertrieben wurden. Am Fluss gab es noch weitere wichtige Marktorte.

Bedeutende Mengen an Getreide wurden per Schiff insbesondere aus dem bayerischen Raum nach Tirol befördert, da das Gebirgsland seinen Eigenbedarf nicht decken konnte. Besonders der im 15. Jahrhundert aufblühende Bergbau brachte mit sich, dass große Bevölkerungsgruppen mit den nötigen Lebensmitteln versorgt werden mussten. Die Abhängigheit von den Getreidelieferungen aus Bayern machte diese zu einem politischen Druckmittel gegen die Tiroler Landesherrschaft. Für die Lieferregionen stellte umgekehrt der Verkauf desselben einen wichtigen Wirtschaftsfaktor dar. Entsprechend sah sich Tirol genötigt, diesen Handel genau zu regulieren. Dazu dienten Niederlagsordnungen in verschiedenen Tiroler Städten. Ab 1452 war z. B. sämtliches Getreide, das in Hall anlangte dort an Haller Händler zu verkaufen und wurde nur von diesen weiter befördert und verhandelt. Später legte man kürzere Verkaufsfristen fest und im 16. Jahrhundert Höchstpreise für das Getreide. Zum Zweck der Getreideversorgung unterhielt die Stadt Hall direkte Handelskontakte zu oberbayerischen Händlern bis nach München. Auch Schwaben war zeitweise ein wichtiger Getreidelieferant, allerdings über den Landweg. Nicht nur in Hall spielte der Getreidehandel eine wichtige Rolle. Selbstverständlich waren Bergbauorte wie Schwaz darin fest einbezogen. Auf bayerischer Seite hatten Orte wie Gars am Inn und Rosenheim (1478 erw.) ihre „Getreideanschütt“, über die der Handel mit dem wertvollen Gut reguliert wurde.

Auch die Fleischversorgung funktionierte zu einem guten Teil über die Flussschifffahrt. Rinder kamen, neben vielen anderen Produkten, aus Ungarn, der Steiermark und Niederösterreich bis Tirol. Flussabwärts wurden Zugtiere per Schiff zurück an die Ausgangspunkte der Bergfahrt gebracht.

Schon in der Urgeschichte blühte in Tirol der Bergbau auf Kupfer. Nachrichten davon besitzen wir, neben einzelnen frühmittelalterlichen Hinweisen, erst seit dem 12. Jahrhundert n. Chr. in zunehmendem Maße. Im 15. Jahrhundert erreichte besonders der Schwazer Bergsegen einen Höchststand. Der Handel mit Erzen aus den Tiroler Bergbauen wurde damals von großer Bedeutung. Sie mussten teils als Massenprodukt auf dem Flussweg zu den Schmelzwerken befördert werden. Besonders Kupfer und Blei erreichten das bayerische Alpenvorland über den Inn. Im Gegenzug musste die große Knappenstadt Schwaz mit den täglichen Gebrauchsgütern versorgt werden. Schwazer Silber spielte in der Reichspolitik eine große Rolle. Es wurde großteils in der nahen Haller Münze verprägt. Mit ihm war es den Fuggern gar möglich, die Königswahl Karls V. zu entscheiden.

Die etwas jüngere Tiroler Eisenindustrie verhandelte ihre Produkte am Wasserweg bis ans Schwarze Meer. Wichtige Stationen der Gewinnung waren Jenbach und in Bayern Kiefersfelden sowie Mühlbach/Oberaudorf. Berühmt waren die Innsbrucker Plattner und Geschützgießer. In umgekehrter Richtung kamen Eisenprodukte über den Inn ins Gebirge. Nürnberg etwa war ein wichtiger Zulieferer für Metallwaren, insbesondere Kriegsmaterial. Begehrt war aber auch das Leobener Eisen und daraus gefertigte Produkte, z. B. Sensen.

Schwergut aus den zahlreichen Steinbrüchen konnte nur über den Flussweg wirtschaftlich transportiert werden. Gebrochener Stein gehörte zu den bis ans Ende der Innschifffahrt beförderten Waren und erreichte sogar den Roten Platz in Moskau. Aus dem Alpeninneren und den Voralpen kamen Granite, Schiefer, Brekzie, Marmor und natürlich Kalk als Baumaterial ins Flachland. Manche Gesteinsart erreichte ihr Ziel als bereits fertiggestelltes Produkt, etwa Mühl-, Schleif- und Schliffsteine aus Schärding, Alten- und Neubeuern. Dazu kann man, wesentlich später, auch die Zemente der Industrien um Kufstein und Kiefersfelden zählen.

Der inneralpine Holzreichtum ließ auch manche Betriebe entstehen, die auf das Vorhandensein natürlicher Brennstoffe angewiesen waren. Dazu zählten die Glashütten in Hall, Kramsach und Hörbrunn bei Hopfgarten im Brixental. Sie mussten ihre Rohstoffe großteils von weit her beziehen. In ähnlicher Weise war auch die keramische Industrie in Schwaz von weit hergeführten Rohstoffen abhängig. Neben der Energieversorgung hat sicher auch die Anbindung an die Innschifffahrt Ausschlag für die Ansiedlung in einem dafür sonst wenig geeigneten Gebiet gegeben. Damit war der Versand und die Erschließung ferner Absatzmärkte möglich. Denn in der Region selbst war der Bedarf sicher nicht ausreichend gegeben.

Voraussetzung für diese rege Handelstätigkeit war eine hochentwickelte und auf den Alpenfluss spezialisierte Schifffahrt. In Hall, Schwaz, Brixlegg, besonders aber im Raum von Wörgl bis Kufstein, Neubeuern, Rosenheim und Wasserburg hatten sich zahlreiche „Schopperwerkstätten“ niedergelassen. Sie stellten die für alle Zwecke benötigten Zillen und Plätten her und hielten sie in Stand. Dazu kam ein vielerorts ausgebildetes Seilergewerbe, dessen Produkte für das Vertäuen der Schiffe und Ladungen, besonders aber zum Bergaufziehen der Schiffszüge, unbedingt vonnöten waren. Fassbinder schließlich produzierten die massenhaft verwendeten Leergebinde.

Im 19. Jahrhundert benötigte man von Hall nach Wien bis zu zehn Tage, wobei der Fluss nur weniger als ein halbes Jahr gut befahrbar war. Im Frühjahr verhinderte dies die häufige Hochwassergefahr, im Winter das Niedrigwasser.

Schon mit der Erhebung Triests zum Freihafen im Jahre 1719 und der damit verbundenen Umleitung der Handelsrouten nach Wien verlor der Weg über die Alpen etwas an Bedeutung. Mit dem Bau der Bahn durch das Inntal und zum Brenner Mitte des 19. Jahrhunderts wurde dann endgültig das Ende der Innschifffahrt eingeleitet. Der Einsatz von Dampfschiffen am unteren Inn zwischen Passau und Rosenheim (1854–1868) war eine kurze Episode. In der Folge wurden nur noch wenige Güter am Fluss befördert, etwa Zement, Kalk, Gips und Steine. Die zu deren Transport zusammengebauten Plätten dienten letztlich nur einer einzigen Fahrt und wurden an ihrem Ankunftsort zerlegt und als Brennholz verkauft. Sie beförderten auch das Material für den Eisenbahnbau, dem die Innschifffahrt ihr Ende verdankte. Heute gibt es wieder Versuche, sie in manchen Abschnitten neu zu beleben.

Die überregionalen Handelsverbindungen haben sich auch im Austausch von Kunst und Kultur bis hin zu grenzüberschreitenden Heiraten niedergeschlagen. Insbesondere zwischen Bayern und Tirol sind familiäre Verbindungen innerhalb der Handel treibenden Familien gut belegt. Einen Hinweis zu derartigen Verflechtungen nach Italien mag der Fund einer „cupa amatoria“ aus Faenza in Hall geben. Denn diese Schalen dienten traditionell als Hochzeitsgaben. Südlicher Einfluss zeigt sich auch in vielen Kunstwerken sowie in Architekturmerkmalen sowohl im Alpeninneren als auch im nördlichen Alpenvorland. Der Fluss beförderte eben nicht nur materielle Güter, sondern mit diesen auch Menschen und ihre Vorstellungswelt. Der Personentransport, vor allem für militärische Zwecke, war üblich, erreichte zeitweise große Ausmaße.

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Entlang des Inns, der über Jahrhunderte und Jahrtausende als Handelsweg diente, haben sich trotz des Endes der Innschifffahrt im 19. Jahrhundert zahllose Hinweise auf diese Aktivitäten erhalten. Das vorliegende Büchlein soll dem interessierten Besucher ermöglichen, diesen Spuren einer großen Vergangenheit nachzugehen und sich selbst einen Eindruck von der einstigen Bedeutung des Inn als Weg des Handels durch die Alpen zu verschaffen.

 

 zanesco

Dr. Alexander Zanesco

Jahrgang 1962, Archäologe,

Stadthistoriker Hall in Tirol

Zahlreiche Fachpublikationen