Kulturdorf Neubeuern
Neubeuern
Oberbayern
Einwohnerzahl: ca. 4.190
Seehöhe: 487 m
Markt Neubeuern . Tel.: +49 (8035) 8784-0
www.neubeuern.de . rathaus@neubeuern.org
Gästeinformation Neubeuern . Tel.: +49 (8035) 2165
www.neubeuern.de . info@neubeuern.de
Kulturdorf Neubeuern
Rupert Stuffer, Leonhard Strobl †
Neubeuerns erste urkundliche Erwähnung geht auf das Jahr 788 zurück. Zum Markt wurde Neubeuern 1393 ernannt. Herzog Friedrich von Niederbayern erhob für Neubeuern einen Wochen- und zwei Jahresmärkte, Steuerfreiheit und die niedere Gerichtsbarkeit. Eine sehr wichtige wirtschaftliche Rolle für Neubeuern spielte Jahrhunderte lang die Innschifffahrt. Viele Neubeurer Bürger erlangten durch sie Ansehen und Reichtum. Noch heute findet man die Spuren der Innschifffahrt überall im Ort. Das Innschifffahrtsmuseum im Haus des Gastes gibt darüber umfassend Auskunft. Kirchenaltäre, Wandmalereien und Inschriften sind Zeugen dieser blühenden Zeit. Die Pflege der Tradition, der prächtige Marktplatz und ein vitales Vereinsleben sorgten dafür, dass Neubeuern 1981 zum schönsten Dorf Deutschlands gekürt wurde.
Das Schloss Neubeuern wurde im 12. Jahrhundert als Höhenburg erbaut. Sein über dem Inntal thronender Burgfried ist eines der Wahrzeichen Neubeuerns. Sehenswert sind neben dem historischen Marktplatz auch der Mühlsteinbruch in Hinterhör, der zu den 100 bedeutendsten Geotopen Bayerns zählt, und die Wolfsschlucht am Schlossberg. Das Neubeurer Freibad mit herrlichem Blick ins Inntal, idyllische Wanderwege, zahlreiche Feste und das kulturelle Leben machen Neubeuern zu einem beliebten Anziehungspunkt. Die Chorgemeinschaft Neubeuern trägt seit über 40 Jahren unter der Leitung von Enoch zu Guttenberg den Namen Neubeuern in die Welt. Die Schlosskonzerte zählen zu den renommiertesten Kammermusikreihen Südostbayerns. Die Neubeurer setzen übers ganze Jahr musische und musikalische Akzente und laden unter dem Motto „Hier spielt die Musik“ ein ins Kulturdorf Neubeuern.
Der felsige Bergriegel, der auf seiner Terrasse den Ort Neubeuern und auf dem Gipfel das Schloss trägt, beendet das alpine bayerische Inntal in imponierender Weise. Der Anblick aus dem Süden bietet eine großartige, pittoreske Kulisse und der Ausblick vom Ort in die Berge ist einer der schönsten in unseren Alpen. Das i-Tüpfelchen in diesem Ensemble ist Neubeuern selbst.
Wenn man so will, ist alles ein Geschenk des Inns, der die Landschaft geformt und in der Zeit der Innschifffahrt dem Ort Bedeutung und Wohlstand einbrachte. Schon immer waren Erzeugnisse aus dem Mittelmeerraum sehr begehrt. All dies aber musste über den Brenner oder andere Pässe transportiert werden. Da boten sich Flüsse als willkommene „Straßen“ an. Besondere Bedeutung erlangte dabei der Inn. Er verband Brenner und Donau, Italien mit Mitteleuropa. Er wurde im Mittelalter zum wichtigsten Verkehrsweg in diesem Raum.
Der Handel des Frühmittelalters befriedigte hauptsächlich die Bedürfnisse benachbarter Gebiete. Aus dieser Zeit fand man in einer ausgegrabenen Wassermühle aus dem 7./8. Jhdt. bei Dasing Bruchstücke von Mühlsteinen aus dem Neubeurer Gebiet. Die Mühlsteine konnten nur auf dem Inn bis Passau, dann die Donau aufwärts bis zur Paar und auf dieser bis Dasing mit Schiffen gebracht werden.
Neubeuern mit Blick von Süden.
Mitte des 13. Jhdts. in der Stauferzeit, entwickelte sich ein Fernhandel. Die Blütezeit der Innschifffahrt begann unter Karl IV. und seinem Sohn Wenzel im 14. Jhdt. Venedig entwickelte sich zur beherrschenden Handelsmacht und lieferte Waren, die anfangs in Gold aufgewogen wurden. Die Händler erzielten gewaltige Gewinne. Orte am Inn wollten sich natürlich gern an diesem Geschäft beteiligen. Auch Neubeuern. Es entwickelte sich im 12. Jahrhundert.
Pfarrkirche „Maria Unbefleckte Empfängnis” und Schloss Neubeuern.
Die Terrasse unterhalb der Burg bot Sicherheit vor Überfällen und Hochwasser. Außerdem lieferte ein ständiger Arm des verzweigten Inns direkt am Fuße des Berges eine ausgezeichnete Lände. So besiedelten Leute aus dem Fischer- und Schifferdorf Altenmarkt den günstigen Platz. Das „neue Beuern“ entwickelte sich rasch und spielte bald in der Schifffahrt eine bedeutende Rolle. Nicht nur Handwerker wie Schmiede, Wagner, Zimmerer, Gerber, Sattler, die der Schifffahrt zuarbeiteten und hauptsächlich davon lebten, auch Bäcker, Metzger, Krämer, Händler und einige kleinere Bauern siedelten sich an, und Wirte. Zeitweise gab es im Ort 12 Schänken und Wirtschaften.
Gefundener Anker, aufgestellt an der Bootshütte in Neubeuern, Ortsteil Altenmarkt; dieser Anker wurde mit einem weiteren Anker zusammengebunden und für die Flussvertiefung und Begradigung des Inns verwendet. Dieser Anker stammt aus dem historischen Wasserbau am Inn unter der Leitung von Karl Friedrich Wiebeking, welcher bei der Durchpflügung des Flusses mit 4 starken Pferden seinerzeit verloren ging und erst nach 160 Jahren wieder beim Bau des Pionierhafens der Bundeswehr geborgen wurde.
Wesentlich stärker wurde der Verkehr auf dem Wasser, als anfangs des 15. Jhdts. der Bergbau in Schwaz anhob. Tirol konnte seinen Eigenbedarf an Getreide nicht immer selbst decken. Unmöglich wurde es, als im Lauf der Zeit Abertausende Knappen zu versorgen waren. Schließlich mussten allein jährlich 12.000 bis 15.000 t Getreide eingeführt werden. Das gelang der Schifffahrt mit 50 bis 70 Schiffzügen. (Damals trug 1 Wagen rund 1 Tonne! Das wären also 15.000 Wagen auf äußerst schlechten Straßen von Österreich und Niederbayern her!)
Rekonstrukt einer Innschifffahrt bei Neubeuern in den 50er Jahren für Filmaufnahmen.
Den Rattenberger Mautrechnungen nach waren im Jahr 1580 Neubeuerer Schiffleut hinter Rosenheim die zweitgrößten Getreidelieferanten nach Tirol.
Die Mannschaft eines Schiffszuges bestand aus Kleinbauern, Häuslern, Bauernsöhnen, Knechten. Sie konnte sich so ein notwendiges Zubrot verdie?nen. Meist das Zweieinhalbfache eines Maurermeisters. Die Arbeit war hart und gefährlich. Seit 1622 kamen aus der Neubeuerer Bruderschaft rund 200 Menschen im Inn ums Leben.
Bruderschaften waren religiöse, Zünfte wirtschaftliche Zusammenschlüsse. Bruderschaften feierten bestimmte Gedenktage, stifteten Seelenmessen für die Verstorbenen, beteten für sie und sorgten dafür, dass hinterbliebene Angehörige oder Arbeitsunfähige eine „Rente“ erhielten, mit der sie einigermaßen auskommen konnten.
Die Neubeuerer Schiffleutbruderschaft wurde 1622 offiziell von den Schiffsmeistern Mayr und Hupfauf gegründet, bestand aber schon „seit Menschengedenken“. 1719 genehmigte Papst Clemens XI. den erbetenen Ablass.
Einen weiteren Vorteil für Neubeuern brachte die Einrichtung einer Innfähre.
Diese Übergänge bündelten den Verkehr, förderten den Umsatz und brachten durch Mauten Geld in die Kassen der Landesherren.
Nach dem Bergriegel verteilte der Inn sein Wasser auf viele Arme. Das senkte die Wasserhöhe oft so weit, dass große Schiffe nicht weiter konnten. Sie mussten geleichtert und in Rosenheim wieder umgeladen werden. Das ergab Wartezeiten.
Entscheidend war jedoch die Verleihung der Marktrechte 1393. Diese umfassten Wochenmärkte, zwei Jahrmärkte, das Anschüttrecht und freien Handel in der Umgebung.
Bald lebten in Neubeuern bedeutende, einflussreiche Schiffsmeisterfamilien. Einige Namen: Mayr, Hupfauf, Heibler, Scheicher, Niedermayr, Auer … Sie waren die Unternehmer. Sie finanzierten alles: Schiffe, Seilwerk, Ladung, Mannschaft und Pferde sowie die Verpflegung. Sie waren vielfach verschwägert, hatten weitreichende Verbindungen, waren geschäftstüchtig und weltoffen. Ihr Interesse an Neuem brachten neue Ansichten und Gedanken in den Ort. Sie mussten reich sein. Ein kompletter Schiffszug kostete so viel wie 400 bis 500 Kühe, überstand aber meist nur vier Reisen.
Auch die Schiffleut erweiterten auf den langen Fahrten ihren geistigen Horizont, lernten die Welt kennen, erlebte andere Sitten und Gebräuche und dachten bald über den Heimatort hinaus.
So entstand auf dem engen, dreieckigen Raum auf der Bergterrasse ein wohlhabender Ort, der sich im Lauf der Zeit zu einem Schmuckkästchen entwickelte. Noch heute rühmt sich Neubeuern als „Perle des Inntals“. Und niemand widerspricht!
Den sehenswerten Marktplatz umschließt eine einzeilige Bebauung. Eine Mauer mit den beiden Toren und die Rote Wand erhöhten die Sicherheit. Für den Platz benötigt man Zeit, um ihn von allen interessanten Blickwinkeln aus genießen zu können. Aber es lohnt sich.
In den großen Häusern lebten früher meist Schiffmeister oder Handelsherren. Augenfällig ist der unterschiedliche Stil der Häuser. Nach dem großen Marktbrand 1894 wurden die Häuser in „heimatlichem Stile“ nach Plänen Gabriels von Seidl wieder aufgebaut.
Das obere Tor sah früher aus wie das untere, wurde aber dem Verkehr geopfert und als einfaches wieder hergestellt.
Das Gebäude neben dem Tor war eine Brauerei, die im Schlossberg in den Fels geschlagene Bierkeller hatte. Heute beherbergt es u. a. eine Apotheke. Das Gebäude daneben gehörte bis 1780 dem churfürstlichen Beizöllner. Im Haus des Gastes arbeiteten die Maler Josef Eder, Thomas Urscher 1730, ab 1818 Sebastian Rechenauer und der Maler Schwirtlich im 20. Jhdt. Jetzt ist hier das Verkehrsamt, eine Galerie und das Innschifffahrtsmuseum. Es zeigt u. a. ein großes Schiffszugmodell, Modelle der Neubeurer Fähre, der ersten Innbrücke von Neubeuern und der Schopperstatt sowie Votivtafeln und viele Stücke, die das Leben der Schiffleute näher bringen. Der Hofwirt daneben war das Haus der Schiffmeisterfamilie Hupfauf. Nach seinem Tod 1674 erbaute die Witwe zu seinem Seelenheil 1677 die Hl.-Kreuz-Kirche in Windshausen, Gemeinde Nußdorf. Es folgt das ehemalige Kaplanenhaus.
Seit 1598 erfüllt das Hämmern des Schmieds das Haus. Zwei Innstadthäuser schmücken das Eck.
Die beiden großen Walmdachhäuser schließen das untere, Salzburger Tor, ein.
Das nördliche gehörte einem Fragner und einem Eisenkramer.
Das südliche war das Haus eines Kramers, eines Getreidehändlers. Seit 1872 ist es der Pfarrhof.
Im übernächsten Haus befand sich ab 1599 die erste Schule. Es war dann auch Priesterhaus ab 1661.
Vom oberen Tor her bereiten das Gefälle der Straße, die Häuserzeilen, der Blick zum Gegentor auf den überraschenden Anblick des unteren Marktplatzes vor. Beim Floriansbrunnen unter den beiden Linden weitet sich der Platz. Alte und neuere Baustile fügen sich zu einem anheimelnden, prächtigen und geschlossenen Bild. Die querstehende Kirche am unteren Ende mit ihrem zum Teil noch romanischem Turm bildet den krönenden Abschluss. Sie wurde mitten im Dreißigjährigen Krieg (1636/37) erneuert und erweitert. Ein Beweis für die finanziellen Möglichkeiten des Marktes. In ihrem barockisierten Inneren zeigt sich wieder die Bedeutung der Schifffahrt für den Ort. Nicht nur, dass der Hauptaltar von einem Schiffmeister gestiftet wurde, auch in den Seitenaltären scheint dies auf. Links tauft Johannes Jesus im Inn! Der Schiffzug von Neubeuern im Hintergrund weisen es aus. Über diesem Bild stehen 2 Patrone der Schiffer: Nikolaus und Nepomuk. Der rechte Altar zeigt den Patron der Reiter, Georg, im Kampf mit dem Drachen. Im Hintergrund erscheint Christophorus, der Patron aller Reisenden.
Ein Zeichen der Weltoffenheit stellt das Bild des Patrons der italienischen Seeleute, Francesco de Paola, im oberen Bild dar. Neben den Altären stehen zwei Prozessionsstangen der Bruderschaft. An der Decke geleitet die Schutzmantelmadonna, gemeinsam mit Johannes dem Täufer und Bischof Nikolaus, Leute in einem Boot sicher über den Fluss des Lebens. Zurück bleiben Neid, Geiz und Eitelkeit, erwartet werden sie von Engeln. Die Darstellung ist dem Bild auf dem Bruderschaftsbrief von 1719 nachempfunden. (Reise ins Engelland zum Port der ewigen Seligkeit.) Den barocken Altar schuf Joseph Götsch, der auch in Rott tätig war. In der Mitte steht das Gnadenbild, die Madonna im Strahlenkranz auf der Mondsichel. Auf ihm und dem Läut- und Lichtwunder (1498 und 1512) beruht die Bedeutung Neubeuerns als Wallfahrtsort. An manchen Tagen kamen bis zu 3000 Pilger. Links und rechts vom Altar befinden sich Wolfgang und Anna. Neben dem Tabernakel knien Dominikus und Katharina von Siena. (Patrone der Rosenkranzbruderschaft.) Den Auszug füllen Gottvater mit dem Hl. Geist. Im Chor?raum hängen links ein gutes gotisches Kreuz, um 1420, rechts die Muttergottes von Urscher, Neubeuern. Beachtlich sind auch die spätbarockene Kanzel und auf der Empore die Rosenkranzmadonna von 1640. Im schönen Winkel Neubeuerns steht die Tafernwirtschaft aus dem 16.Jhdt. Der Wirt hatte also das Recht, Wein und Bier auszuschenken und das Mahlrecht bei Hochzeiten, Taufen usw. Außerdem war es die Zunftherberge der Schiffleut. Links davor führt eine Metalltreppe zum Aussichtspunkt Haschlberg. Die großartige Aussicht entschädigt für die „Mühe“ des Aufstiegs. Neben der Kirche tauchte an einem alten Schiffsmeisterhaus unter Putz das Bild eines Schiffszuges auf.
Tafernwirtschaft Sebald Loferer.
Das blaue Haus daneben gehörte früher dem Pfleger und Mautner Pachhammer. Er starb 1591. Sein Epitaph hängt in Altenbeuern. Das Gebäude besaß früher zwei Ecktürmchen und war seit 1737 Benefiziatenhaus, ab 1822 Pfarrhof, 1872 erfolgte der Tausch mit dem heutigen Pfarrhaus.
An der Fassade des Gasthauses „Stangenreiter“ ist das schöne Nasenschild eines Stangenreiters und das große Bild eines Schiffszuges von Oskar Martin, Amorbach. Der Stangenreiter war Chef der Schiffreiter. Er maß mit seiner Stange die Wassertiefe für die Schiffe und bestimmte auch den Weg für die Pferde. Daneben, etwas zurück, blickt man auf die Schneggenhäusl, die direkt an die Rote Wand angebaut sind.
Die Rote Wand schützte zwar, gefährdete aber auch gelegentlich die Häuser durch Felsstürze. Nach dem letzten um 1896 wurde ein Teil gesprengt.
Noch einen Blick auf das Schloss. Das Domkapitel Regensburg verkaufte nach dem Dombrand die Burg 1388 an den Harßkirchner von Zangberg. Es wechselte mehrfach den Besitzer und wurde 1743 im Österreichischen Erbfolgekrieg beschossen und gesprengt, später schlossähnlich wieder aufgebaut. 1881 erwarb Freiherr Jan von Wendelstadt das Gebäude. Nach Bränden 1890 und 1893 erhielt das Schloss seine heutige Gestalt und wurde prächtig ausgestaltet. Architekt war Gabriel von Seidl (1905-1909 Bauzeit). Zahlreiche adelige Gäste und viele Künstler belebten den Bau. Nach dem Tode des Schlossherrn 1909 wandelte seine Witwe 1925 das Schloss in ein Landerziehungsheim um. Enteignet, belegte es 1941 ein NS-Erziehungsheim. Seit 1945 führt im Schloss die Stiftung Landerziehungsheim Neubeuern ein Gymnasium als Internat. Es ist deshalb leider nicht zu besichtigen.
Zu den Sehenswürdigkeiten Neubeuerns gehört auch die Wolfsschlucht im Nordteil des Schlossberges. Sie ist rund 60 m lang, 20 m breit und 20 m tief und entstand durch Menschenhand. Seit dem 15. Jhdt. gewannen hier die Neubeuerer Schleif-, Wetz- und Mühlsteine. Man kann sich die Mühe und den Arbeitsaufwand vorstellen, bis die fehlenden 12.000 bis 15.000 Kubikmeter mit Meißel und Hammer herausgebrochen waren. Die Nordwand weist noch immer Stützlöcher für den Gerüstbau auf. Die fertige Ware bedeutete selbstverständlich Transportgut für die Schifffahrt. Ein Felssturz in der Mitte der Schlucht erhöht noch ihren romantischen Reiz.
Wolfsschlucht nahe dem Schloss Neubeuern – das zweite Geotop in Neubeuern, es führt auf wildromantischen Pfaden zwischen Bäumen und Felsen; früher ehemaliger Mühl- und Schleifsteinbruch.
Interessant ist auch der Schiffsstadel in Altenmarkt. Er enthält eine Fähre, die in Kiefersfelden nach dem 2. Weltkrieg ihren Dienst tat, und eine Mutze sowie zwei Schiffsanker und Fasszement aus dem Inn. Beide Schiffe wurden von Michael Schmidl, dem langjährigen Bürgermeister, Ehrenbürger und letztem Schiffbaumeister am Inn, in Neubeuern gebaut.
Zum hauptsächlich handeltreibenden Neubeuern gehört unweigerlich das landwirtschaftlich orientierte Altenbeuern. Beide zogen daraus Vorteile. Altenbeuern versorgte Neubeuern mit Lebensmitteln und mit Handelsware.
So lieferte das alte Beuern die begehrten Mühlsteine bereits seit dem 7./8. Jhdt. bis nach Dasing bei Augsburg sowie auf der Donau bis Wien und Budapest, ja sogar bis ans Schwarze Meer aus dem Steinbruch Bürgl und Hinterhör. Dabei fanden Häusler und Kleinbauern Arbeit und zusätzlichen Verdienst. Als Steinhacker meißelten sie den Umriss des Steins in den Felsen. Mit aufquellenden Pflöcken sprengten sie ihn schließlich ab. Für einen Stein benötigte ein Mann rund 14 Tage. Der Steinbruch ist heute ein wertvolles Geotop, eines der 100 schönsten in Bayern und ist wirklich einen Besuch wert. In dem steil einfallenden Aufschluss im Gestein des Helvetikums zeigten die gewaltigen Arbeitsspuren, wie sonst nirgends, die Gewinnung von Mühlsteinen.
Dicht hinter dem Bruch befindet sich das Gut Hinterhör. Es gehörte erst dem Schiffmeister und Mühlsteinhändler Niedermayr, dann dem Schlossherr v. Wendelstadt. Lange Zeit diente es auch als Alterssitz für die Schlossbesitzer.
Kirche Altenbeuern mit Blick auf die Kirche und das Schloss Neubeuern.
Im Bürgl, nicht weit davon, wurden vor Hinterhör Mühlsteine gehackt. Heute ist es ein vorzügliches Freilichttheater, in dem die „Beuerer“ auch anspruchsvolle Stücke aufführen.
Einige weitere Brüche lieferten Bausteine für Gebäude in München und Wien.
Am Eckbichl in Altenbeuern wurde seit 1845/47 für die Innverbauung, die Ottokapelle in Kiefersfelden und für die Mariahilf-Kirche in München und zum Hausbau Steine herausgeschlagen. Auf seinem, von den Gletschern gerundetem Felsrücken, liegt ein Findling aus Gneis, den die Eiszeiten aus dem Zillertal, wenn nicht gar aus dem Engadin, bis hierher verfrachteten.
Das alte Beuern lieferte nicht nur Steine, es lieferte auch Getreide, Vieh, Fleisch, Felle, Obst, Holz, Gemüse, Kraut, Flachs, Hanf, Wolle, Prein (Buchweizen), Käse, Zwillich, Ruß, Schuh- und Wagenschmiere … Natürlich auch Schiffleut und Reiter für die Schifffahrt.
Sichtbare Beweise dafür birgt die Altenbeuerer Kirche. Sie ist 788 erstmals erwähnt und zählt zu den ältesten im Landkreis. Der heutige Bau entstand 1494. Er wurde als Wehrkirche errichtet, mit dem einzigen kleinen Eingang an der Nordseite. Die Steinbrüche Bürgl und Hinterhör gehörten viele Jahre zur Kirche Altenbeuern.
1650 begann die Barockisierung. 1841 erhielt der Turm auf Wunsch König Ludwigs I. die heutige Dachform. Vorher hatte er Treppengiebel wie der in Neubeuern. 1889 besann man sich auf die ehemalige gotische Gestaltung.
Den barocken Hochaltar stiftete ein Schiffmeister aus der Hupfauffamilie um 1655, Wolfgang Hupfauf der III. Dabei wurden die Figuren aus dem früheren Altar übernommen. Die Hauptfigur stellt die Hl.Dreifaltigkeit dar. Es sind drei identische (Königs-)Figuren mit Krone Zepter, Weltapfel und einem gemeinsamen Mantel (um 1500). Das 1. Tridentinische Konzil verbot diese Art der Darstellung. Die altbairische Beharrlichkeit erhielt sie.
Auch Rupert und Virgil, die beiden Heiligen links und rechts der Dreifaltigkeit, stammen aus dieser älteren Zeit. Sie sind Erinnerung an die jahrhundertelange Zugehörigkeit Beuerns zum Salzburger Bistum. Die weite?ren Figuren entstanden um 1665. Die Seitenaltäre, gute Hochbarock-
arbeiten, ähneln denen in Neubeuern. Das Altarbild im linken wurde von einem Schiffmann zum Dank gestiftet, im Auszug des rechten erscheinen die Schiffleutpatrone Johannes d. T. und Nikolaus.
Die Wangen der Kirchenstühle gestalteten um 1695 Neubeuerer Kistler.
Interessant für die Verbindung zur Schifffahrt ist die Nordwand.
Gleich neben der Empore und über dem kleinen Eingang ist zunächst das des Leonhard Mayr, Gastgeb und Schiffmeister in Neubeuern, von 1599. In der Predella ist der Verstorbene mit seinen beiden Frauen und den 18 Kindern sehr gut dargestellt. Die vornehme Kleidung zeugt vom Reichtum und der sozialen Stellung.
Das Bild erzählt die Geschichte der Arche Noah und des Archenbaus.
Die hier dargestellten, zum Teil am Boden liegenden Werkzeuge, wurden fast unverändert auch vom letzten Neubeuerer Schiffbauer Michael Schmidl verwendet.
Seitlich stehen die Patrone der Schiffleut und -reiter, Nikolaus und Georg.
Ein Stück weiter erhebt sich in monumentaler Größe Christophorus. Es spiegelt den allgemeinen Glauben wider, dass niemand, der sein Bild mit Andacht betrachtet, an diesem Tag eines jähen Todes stürbe. – Wen wundert es, dass ihn die Schiffer hoch verehrten?
Neben dem Seitenaltar überlebte noch ein Fresko mit den Patronen für Schifffahrt und Bergbau. In einem Nachen steht der hl. Nikolaus, klein daneben zwei irdische Menschen. Groß wiederum Anna Selbdritt (für Schiffer und Bergleut) und Barbara (Bergleut und eben auch Mühlsteinhacker). Das Fresko daneben zeigt den hl. Georg, Patron der Schiffreiter.
Im Chorraum hängen die Standbilder der Heiligen Michael als Seelenwäger und Christophorus.
Zwei weitere bemerkenswerte Epitaphe befinden sich im abgesicherten Chorraum. Zum einen das des Pflegers und Mautners Michael Pachhammer, +1591. Im Hauptbild zeigt es die Auferweckung des Lazarus. In der Predella kniet Pachhammer mit seinen Söhnen, ihm gegenüber seine vier Frauen mit den Töchtern.
Das Epitaph eines Unbekannten an der südlichen Chorwand stellt Christus als den dar, auf den im Alten Testament alles zugeht und von dem aus das Neue seinen Anfang nimmt. (Um 1600.)
Vor dem Kircheneingang rechts steht das Grabmal der Familie des Mühlsteinhändlers und Schiffsmeisters Niedermayr von Hinterhör.
An der Friedhofsmauer erhebt sich das Mausoleum des letzten Schlossherrn, Freiherr von Wendelstadt.
Die Hochblüte der Innschifffahrt dauerte bis weit ins 17. Jhdt. Neben dem Rückgang des Bergbaus in Tirol trug die Auflösung der kaiserlichen Hofhaltung in Innsbruck (1665) dazu bei. Auch das Geschehen des Dreißigjährigen Krieges im Gebiet des Inns wirkte sich aus. Entscheidend aber war die Umleitung des österreichischen Handels über das 1719 zum Freihafen erhobene Triest. Dies bereitete dem Fernhandel über Brenner-Inn-Donau-Wien ein rasches Ende. Die Schifffahrt diente nun fast ausschließlich dem Inlandsverkehr, war aber immer noch rege. Selbst zwischen 1835 und 1846 gingen noch 36 Schiffzüge von Rosenheim her nach Hall. 1852 waren es noch 20 Schiffzüge. 1854 begrüßte Rosenheim das erste Dampfschiff aus Passau. Die betreibenden Gesellschaften stellten aber schon 1858 und 1868 die Linien wieder ein. Die Eisenbahn hatte der Schifffahrt den Rang abgelaufen. Sie war schneller und billiger.
Die einzigen Güter, die eine Naufahrt noch lohnten, waren Romanzement, Stein, Gips, Kalk, Holz und Käse. Die schnell gefertigten Plätten wurden meist am Zielort, meistens in Wien, als Bau- oder Brennholz verkauft.
Das Ende des Innhandels kann auf 1893/94 angesetzt werden, jedoch verfrachtete unter anderem Schiffmeister Dettendorfer aus Nußdorf noch bis 1894 Zement, Kalk und Gips nach Wien und Budapest. Johann Näbauer aus Wasserburg fuhr ebenfalls bis 1894 mit seinem Schiffsmann Matthias Hopf aus Neubeuern die gleichen Länder an. Matthias Hopf starb am 6. 11. 1941 im 79. Lebensjahr. Er hat ein sehr interessantes Tagebuch über die Erlebnisse der Innschiffahrt hinterlassen.
Für Neubeuern versiegte mit der Schifffahrt der wesentliche Erwerbszweig. Aus dem regen und bedeutenden Schifffahrort wurde ein ganz normaler Landort.
1860–1865 war die wirtschaftliche Struktur des Marktes noch auf die Schifffahrt ausgerichtet, obwohl die Gegenfuhren durch den Bau der Bahnlinien von München nach Kufstein und Salzburg zum Erliegen kamen.
Bis 1900 änderte sich das wirtschaftliche Gefüge wesentlich. Von den 39 Häusern des Marktes wechselten bis 1903 21 den Besitzer, zwei wurden abgerissen. Abgewandert waren vor allem Händler und Handwerker, die in anderen Orten ihr Auskommen finden konnten.
Es zogen aber auch andere Berufe ein: Schreiner, Uhrmacher, Glaser, Krämer, Maler.
In Altenbeuern wirkte sich der Wandel geringer aus. Einige Güter von Schiffmeistern, Stein- und Getreidehändlern wechselten den Besitzer. Sonst gaben nur einige kleine Bauern auf, weil ihnen der Nebenverdienst aus der Schifffahrt fehlte.
Neubeuern hatte zwar viel verloren, aber alles konnte ihm gar nicht genommen werden. Das war zunächst seine in langer Zeit gewachsene anheimelnde Schönheit als Ort und die Weltoffenheit und Freundlichkeit der Bewohner. Geblieben ist die herrliche Lage vor den Bergen des Inntals, die Behaglichkeit der umgebenden Landschaft. Die Autobahnen sind rasch zu erreichen, stören aber nicht. Neubeuerns Vorteil ist auch seine zentrale Lage. Städte wie München, Salzburg, Innsbruck liegen im Umkreis von 100 km. Nahziel wie Rosenheim, Wasserburg, Rott, der Chiemsee mit seinen Inseln, Kieferfelden und Erl mit ihren Spielen liegen praktisch vor der Haustür. Der Wendelstein, das Kaisergebirge, der Tegern- und Schliersee, Kulturgeschichte, Bergerlebnisse und Erholung bieten sich an. Zahlreiche Wanderwege rund um Neubeuern und der landschaftlich wunderschön gelegene Neubeuerer See als Freibad locken die Menschen. Solche Angebote muss man einfach nutzen.
Es stimmt schon: Neubeuern ist noch immer die Perle im schönen baye?-
rischen Inntal.
Rupert Stuffer, Jahrgang 1936. Er führte die Schiffleutbruderschaft Neubeuern von 1989 bis 2009 und war zuvor als Einkaufsleiter und u.a. für bauliche Planungen beim Zementwerk Rohrdorf bis zu seiner Pensionierung beschäftigt.
Von den beiden wurde bereits das Buch „Innschifffahrt – Schiffleut, Schiffreiter, Bruderschaften" veröffentlicht.
Leonhard Strobel, Jahrgang 1923 († 2008). Er war Lehrer an der örtlichen Volks-
schule und späteren Grund- und Hauptschule in Neubeuern und über viele Jahre hinweg Mitglied in der Vorstandschaft der Schiffleutbruderschaft Neubeuern. Er war in der Vorstandschaft für geschichtliche Aufzeichnungen verantwortlich.
BU
Links: Blick auf den Marktplatz von Neubeuern.
Neubeuern mit Blick von Süden.
Pfarrkirche „Maria Unbefleckte Empfängnis” und Schloss Neubeuern.
Tafernwirtschaft Sebald Loferer.
Kirche Altenbeuern mit Blick auf die Kirche und das Schloss Neubeuern.
Ausschnitt aus dem Epitaph Mayr.







