Salinenstadt Hall
Stadt Hall in Tirol
Tiroler Unterland
Einwohnerzahl: ca. 12.460
Seehöhe: 574 m
Stadt Hall in Tirol . Tel.: +43 (5223) 5845-0 . www.hall-in-tirol.at . info@hall-in-tirol.at
Tourismusverband Region Hall-Wattens
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Salinenstadt Hall
Alexander Zanesco
Die Salinenstadt verdankt dem Inn einen großen Teil ihrer wechselhaften Geschichte. Im Bereich des Unteren Stadtplatzes hatte sich bis ins 13. Jahrhundert eine kleine Siedlung vermutlich um die Anlegestelle einer Fähre oder an einer Furt entwickelt. Diese wird für die nahe gelegenen Dörfer als Zugang zum Fluss wichtig gewesen sein. Sie könnte das diesseitige Ufer mit dem gegenüberliegenden Kopf jener Straße zum Brenner verbunden haben, die über die ostseitige Flanke des Wipptales führte. Dadurch war den Händlern und Frächtern die Umgehung Innsbrucks und seiner seit dem späten
12. Jahrhundert geltenden Handelsprivilegien möglich. Die Stadterhebung Halls im Jahr 1303 sah dann auch den Bau einer Brücke über den Inn vor oder genehmigte einen solchen im Nachhinein, was die Warentransporte erleichterte. Die große Masse dieser Güter nahm den Weg zu Wasser. Sie sollten hauptsächlich ins Unterinntal, nach Bayern und Österreich. Von der Lage am Kreuzungspunkt wichtiger Handelswege – Straße und Schiff – lebte die junge Stadt sehr gut. Das übrigens in unmittelbarer Nachbarschaft zur Stadt Innsbruck, die über eine mindestens ebenso gute Lage im Wegenetz verfügte. Nur fehlten ihr jene besonderen Voraussetzungen, die Hall zur Handelsmetropole werden ließen.
Oben: Burg Hasegg, dahinter die Altstadt von Hall. Foto: Münze Hall.
Dazu kam nämlich als entscheidender Faktor der Salzreichtum aus dem nahen Halltal. Er entwickelte sich zeitweise zur wichtigsten Einnahmequelle der Tiroler Landesfürsten. Dass aber die kleine Siedlung trotz der Entfernung zur Lagerstätte zum idealen Standort für Salzproduktion und -handel geworden war und sich daraus die größte mittelalterliche Stadt des nördlichen Tirols entwickelte, hatte seine Gründe in ihrer Lage am Fluss. Hier versott man die aus dem Halltal über Holzrohre herabgeleitete Sole in großen Pfannen (daher „Pfannhaus“) und gewann so das „weiße Gold“. Voraussetzung dafür war die Gewinnung dieser Sole durch das Auslaugen im Berg mittels in künstliche Hohlräume (Laugwerke) eingeleiteten Wassers. In der gelösten Form konnte das Salz nämlich problemlos über weite Strecken talwärts transportiert werden.
Die Verdampfung der Sole beanspruchte Unmengen an Brennholz, das aus dem Engadin und dem oberen Inntal herabgetriftet wurde. Der Inn versorgte so die aufstrebende Salzindustrie mit der benötigten Energie. Um an die im Fluss treibenden Baumstämme zu gelangen, errichtete man einen Auffangrechen quer durch sein Bett. Mit Eisenspitzen bewehrte, mächtige Rammpfähle wurden in den Grund getrieben und sind heute teilweise wieder sichtbar. Das aufgefangene Holz kam in riesigen Stapeln am Ufer zu liegen. Damit hatte man jedoch der Innschifffahrt ein Hindernis geschaffen, das Hall zu ihrem südlichen Kopfhafen machte. Weiter stromaufwärts konnte der Fluss nur mit kleineren Zillen befahren werden. Historische Ansichten der Stadt Hall zeigen denn auch dieses typische Bild: die Innlende mit dem Rechen, angelegte Schiffe und die gewaltigen Holzstapel im Vorfeld der Saline. Nicht zu übersehen ist die große Rauchwolke hinter der Burg Hasegg auf der Ansicht im Schwazer Bergbuch von 1556. Sie zeigt die Lage des Sudwerkes an.
Die Stadt Hall lebte also hauptsächlich vom Salz und dem Fluss. Schon eine Quelle des Jahres 1313 belegt die große Bedeutung der Innschifffahrt für die Haller Handelstreibenden. Diese Entwicklung wurde auch bewusst gesteuert. Eine Reihe von Handelsprivilegien trug dazu bei. Ganz besonders aber verhalf das Niederlagsrecht zu lukrativem Einkommen: Innerhalb bestimmter Grenzen durften nur in Hall (und Innsbruck) Waren umgeladen werden und waren von Haller Spediteuren weiter zu befördern, sei es zu Land oder zu Wasser. Sie mussten gar gegen Entgelt gewogen werden und waren auch über Nacht einzulagern. Dafür stand das städtische Ballhaus zur Verfügung, und den zahlreichen zum Aufenthalt „genötigten“ Durchreisenden das heimische Gastgewerbe oder die vielgerühmten Badhäuser. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass der hauptsächlich aus Südtirol kommende Wein von Haller Händlern weiterverhandelt wurde. So verdiente die Stadt über das Weinungeld gut am lebhaften Konsum des Rebensaftes. Ähnliches galt für den lebenswichtigen Getreidehandel. Mit der Lendordnung von 1452 wurde gar dessen Verkauf an der Haller Lende verpflichtend. Es kam hauptsächlich per Schiff aus dem bayerischen Alpenvorland.
Stadt Hall im Schwazer Bergbuch, 1556. Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, Foto: © Phil Somer
Mancher Besucher wird sich auch damals schon etwas Zeit gegönnt haben, um die Sehenswürdigkeiten der Stadt zu besichtigen. Davon zeugen unter anderem die zahlreichen, ab dem 15. Jahrhundert überlieferten Graffiti
in den viel besuchten Kirchen. Auch die archäologischen Funde sprechen eine deutliche Sprache: Münzen und Keramiken belegen ein Einzugsgebiet zwischen Nordfriesland und Mittelitalien. Hall war ein internationaler Marktort von regionaler Bedeutung.
Auch die Landesherren waren an einem wirtschaftlich florierenden Städtewesen interessiert. Schließlich füllte ein Teil des Umsatzes ihren Säckel in Form von Zöllen und Abgaben. Zu nennen ist insbesondere Markgraf Ludwig von Brandenburg, Graf von Tirol und gleichzeitig Herzog von Bayern. Er förderte die Stadt Hall ganz besonders und erleichterte in seiner Doppelfunktion den Warenverkehr zwischen beiden Ländern. So gab er Sicherheitsgarantien für die Händler und verlieh der Salzstadt am Inn im Jahr 1356 die Jahrmarktsprivilegien, welche dazu beitrugen, ihre Stellung als Handelszentrum des nördlichen Tirols zu festigen. Herzog Leopold IV. verdankt Hall sein Rathaus, Erzherzog Sigmund dem Münzreichen die Verlegung der Meraner Münzstätte hierher. Er war es auch, der die Burg Hasegg ab der Zeit um 1440/50 zur herrschaftlichen Residenz ausbaute. Ihre Nähe zum Fluss wird dabei eine wichtige Rolle gespielt haben. Sie zählt heute zu den sehenswertesten spätgotischen Architekturdenkmälern der Stadt.
Aus der Summe all dessen erreichte die Innschifffahrt für die Haller eine enorme Bedeutung. Daher bildeten die Schiffleute (Schefleut) schon im 14. Jahrhundert eine eigene Zunft. Sie waren Eigentümer der Schiffe, die sie auf Inn und Donau schickten. Im Jahr 1500 erhielten sie von der Stadt eine Ordnung, nach der sie zur Versorgung der Lende mit Knechten, Schiffen und Rössern verpflichtet wurden. Der Konkurrenzkampf zwischen den Frächtern machte klare Regelungen nötig. So überprüfte der Stadtrichter die ordnungsgemäße Beladung der Schiffe. Es war sogar nötig, die Reihenfolge der abgehenden Kähne festzulegen. Seit dem frühen 15. Jahrhundert ist ein eigener Lendhüter als oberstes Aufsichtsorgan nachweisbar.
Auch in Hall gab es die „Schiffschopper“, welche mit dem Bau neuer Wasserfahrzeuge beschäftigt waren. Wie manch anderes Handwerk lebten sie gut vom enormen Warenumschlag in der Salzstadt. Die Reparatur von Schiffen und Fuhrwerken, die Versorgung von Pferden, der Bau und die Instandhaltung von Verkehrswegen gab vielen Familien Arbeit und regelmäßiges Einkommen.
Blick auf das Rathaus, Rolandsstatue in der Fassade, dahinter das Stadtarchiv, Foto: TVB Region Hall-Wattens, ©Watzek Fotografie.
Der Fluss verband das Land im Gebirge mit den Wirtschaftszentren im Alpenvorland und Hall bildete ein Nadelöhr, durch das der Handel über die Berge strömte. Nicht nur Güter aller Art, zuerst Salz, Wein, Getreide und Erze, wurden verschifft. Auch Personentransporte spielten zeitweise eine große Rolle. Abgesehen von den Leib- und Begleitschiffen des Hofes, die seinen Angehörigen eine angenehmere Reise boten, als es zu Pferd oder Kutsche möglich gewesen wäre, sind auch Truppentransporte zu erwähnen. Zu Zeiten größerer Mannschaftsbewegungen sollen bis zu 15.000 Personen gleichzeitig eingeschifft worden sein. Als besonderer Passagier begab sich 1552 ein gewisser „Soliman“ in Hall an Bord, der als erster Elefant Wiens zu Berühmtheit gelangte.
Mit dem Niedergang der Innschifffahrt erlebte Hall im 19. Jahrhundert dann den Verlust eines seiner wichtigsten wirtschaftlichen Standbeine. Damit einhergehend wurde es nun auch als Wirtschaftsstandort von der Landeshauptstadt Innsbruck überrundet. Wesentlicher Grund dafür war die Einrichtung der Eisenbahnlinien Kufstein-Innsbruck im Jahr 1858 und Innsbruck-Brenner im Jahr 1867. Auch das Ende der Salzgewinnung kam, wenn auch etwa 100 Jahre später. Damit war endgültig eine Neuorientierung vonnöten.
Heute blickt Hall mit Stolz auf seine wechselhafte Vergangenheit zurück und kann dabei wie kaum eine andere Tiroler Stadt auf ein hervorragend überliefertes Erbe verweisen. Sowohl das einzigartige Stadtarchiv als auch die bestens erhaltenen kunsthistorischen wie archäologischen Schätze legen davon Zeugnis ab.
Denkmäler des Handels
Der obere Stadtplatz, heute noch ein Ort der Märkte und bunten Treibens. Foto: TVB Region Hall-Wattens, © Watzek Fotografie
Wer heute durch die engen Gassen der Haller Altstadt schlendert, empfindet das Flair einer in großen Teilen erhaltenen mittelalterlichen städtischen Siedlung. Verwinkelte Wege, versteckte Winkel und offene Plätze lassen das geschäftige Treiben vergangener Zeiten erahnen. Noch heute prägen Kleingewerbe, Handel und Gastwirtschaften das Leben. Der einstige Handelsreichtum hat seine allgegenwärtigen Spuren in imposanten Bauten hinterlassen, ein großes kulturelles Erbe, das es zu bewahren gilt. Viele der direkt mit dem Handel verbundenen Denkmäler geben sich aber nur dem Eingeweihten zu erkennen.
Am augenfälligsten zieht das schon von weitem erkennbare Wahrzeichen der Stadt, der Münzerturm, die Blicke auf sich. Er ist Teil der Burg Hasegg, die seit dem Jahr 1567 mit Unterbrechungen die Münzprägestätte beheimatet. Sie liegt im weitläufigen Salinenareal. Einst war dies ein abgeschlossener Komplex, geprägt von frühen Industriebauten und großzügigen Gartenanlagen. Von den erhaltenen Resten gibt sich das alte Salinenamtsgebäude am eindrucksvollsten, ein langgezogener Bau an der Südseite des Unteren Stadtplatzes. Westlich davon findet man die „Bastei“, früher ein Zollamtsgebäude. Jenseits der Autobahnauffahrt stehen noch das Lobkowitz-Sudhaus und das Salzlager, bis vor wenigen Jahren als „Kunsthalle Tirol“ bespielt, heute ein Veranstaltungszentrum.
Mit der Innschifffahrt ist die Saline durch den Auffangrechen verbunden, dessen Reste man bei Niedrigwasser unterhalb der Fußgängerbrücke noch bewundern kann. Diese ersetzte die alte Innbrücke in Verlängerung der Ellbögener Straße zum Brenner (Kuntersweg). Mit dem Rechen fing man das Triftholz zur Versiedung der Sole auf. Riesige Holzstapel im Vorfeld der Burg Hasegg empfingen früher den von Süden kommenden Reisenden, bevor er die Stadt durch das einzig noch erhaltene Stadttor, das Münzertor, betrat.
Von den Hafenanlagen (Lend) südöstlich außerhalb der Stadt ist nichts mehr zu sehen. An dieses Zentrum einstiger Handelstätigkeit erinnern nur noch vereinzelte, aus ihrem Zusammenhang gerissene Bauwerke wie z. B. die Lendkapelle oder der Getreidekasten (1563), heute als Wohnhaus in Verwendung. Er übernahm die Funktion des zuvor innerhalb der Altstadt liegenden Stadtkornkastens (Kurzer Graben 1). Der ehemals organische Zusammenhang mit der städtischen Siedlung ist heute durch die Eisenbahnlinie abgeschnitten.
Beim Eintritt in die Stadt mussten die Waren gegen Entgelt bei der Fronwaage gewogen werden. Man findet den wenig wahrgenommenen Bau in einem der unscheinbarsten Haller Gässchen, der Schergentorgasse (Nr. 2). Ziel der Fuhrleute war das Ballhaus (Salvatorgasse 14), wo sie ihre Waren über Nacht einzulagern hatten. In dieser Gasse (früher Marktgasse) wurden einst die Märkte abgehalten. Man verlegte sie 1406, nach der großzügigen Überlassung des „Königshauses“ als Rathaus durch Leopold IV., in den großen Platz nördlich davon. Diese Fläche ist heute verbaut.
Am Oberen Stadtplatz stand damals ein wesentlich aufwändiger gestalteter Brunnen als das heute der Fall ist. Sein unablässig fließendes Wasser galt als Symbol des städtischen Wohlstandes. Ihn krönte jene Rolandstatue, die heute in eine Nische am Rathaus eingesetzt ist. Zur Zeit der zwei Jahrmärkte gab man ihr als Zeichen des Marktfriedens ein Schwert in die Hand.Von der einstigen regen Handelstätigkeit zeugen schließlich weit gereiste Fundobjekte. Am beeindruckendsten ist vielleicht eine „cupa amatoria“ (Liebesschale), eine kleine, aufwändig bemalte Schale aus Faenza, die als Hochzeitsgabe gedient haben dürfte. Andere Keramiken stammen aus dem Rheinland, Sachsen, Böhmen und Bayern. Münzen fanden sich aus Regionen zwischen Genua und Nordfriesland.
Hall selbst war neben seinem Salz auch bekannt für die hochstehenden Produkte seiner Glashütte (1534-1635). Deren Erzeugnisse finden sich heute in bedeutenden europäischen Sammlungen. Das Schwazer Silber wurde in der Haller Münze geprägt. Berühmt ist der Guldiner Erzherzog Sigmunds, der die Geldwirtschaft nachhaltig beeinflusste und als Urahn des Dollars gilt. Und schließlich kann das Haller Wappen als Denkmal des Handels gelten: die Salzkufe als Symbol der wichtigsten Handelsware.
Dr. Alexander Zanesco
Jahrgang 1962, Archäologe,
Stadthistoriker Hall in Tirol
Zahlreiche Fachpublikationen
BU
Oben: Burg Hasegg, dahinter die Altstadt von Hall. Foto: Münze Hall.
Foto Seite 36: Westfassade der Kirche St. Nikolaus mit Blick über die Dächer der Altstadt.
Stadt Hall im Schwazer Bergbuch, 1556. Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum,
Foto: © Phil Somer
Blick auf das Rathaus, Rolandsstatue in der Fassade, dahinter das Stadtarchiv,
Foto: TVB Region Hall-Wattens, © Watzek Fotografie.
Der Obere Stadtplatz, heute noch ein Ort der Märkte und bunten Treibens.
Foto: TVB Region Hall-Wattens, © Watzek Fotografie.
Guldiner Erzherzog Sigmunds von 1486, geprägt in Hall. Foto: © Phil Somer.


